Auf Facebook bin ich über eine Studie gestolpert, die mich leider nicht erstaunt: In der Studie wurde untersucht, ob Pferde abnormales Verhalten beim Satteln, Zäumen oder Aufsitzen zeigen und ob Ihre ReiterInnen dies erkennen. Kurz zusammen gefasst, die Mehrheit der Pferde zeigte ein abnormales Verhalten und die Mehrheit der ReiterInnen erkannte dies nicht.
Wie gesagt, erstaunt mich dieses Resultat nicht. Hildegard zeigte ein stark abnormales Verhalten beim Putzen, Satteln, Zäumen und Aufsteigen. Ja eigentlich fand sie das angebunden Stehen schon unangenehm. Ich habe Hildegard als unproblematisches Maultier gekauft und ich konnte sie auch problemlos putzen, satteln und zäumen. Wenn ich grosszügig übersah, in welchem Stress sich Hildegard in diesen Momenten befand. Mittlerweile habe ich ein Maultier, dass sich entspannt putzen lässt, zäumen klappt gut und auch das Satteln. Nur der Moment in dem der Sattel auf ihren Rücken gelegt wird, ist immer noch nicht ganz entspannt.
Ich habe sehr viel Zeit in diese Vorbereitungsarbeit für das Reiten investiert. Es konnte gut und gerne 30 – 40 Minuten dauern, bis ich aufsitzen konnte. Hildegard ist weder beim Putzen, Satteln oder Zäumen angebunden. Warum habe ich mir diese Mühe gemacht? Hildegard hat weder gebissen noch getreten, das angebundene Putzen und Satteln wäre also wie oben beschrieben problemlos möglich gewesen? Einfach, schnell und mit viel weniger Kopfzerbrechen.
Die Erfahrung mit Hildegard hat mich dazu gebracht mit offeneren Augen durch die Pferdewelt zu gehen. Macht man das merkt man sehr bald, dass dieser «Vorbereitung» sehr wenig Beachtung beigemessen wird. Der Fokus liegt beim Reiten. Hauptsache das Pferd kann irgendwie gesattelt und gezäumt werden. Wenn es zu sehr zickt kann man es ja auch beidseitig ausbinden. Und viele Pferde/Mulis sind alles andere als glücklich bei diesem Prozedere. Die Studie deckt sich also ziemlich genau mit meinen eigenen Beobachtungen. Ich schreibe bewusst Pferdewelt, denn in meiner Umgebung sehe ich keine Mulis, die ich beobachten könnte. Aber es gibt keinen Grund zur Annahme, dass es bei den Mulis grundlegend anders ist.
Nun aber zurück zum Warum. Warum soll man sich diese Mühe machen, wenn es auch einfach geht?
Zwei gute Gründe, das entspannter Putzen, Satteln oder Zäumen mit Deinem Maultier zu trainieren
Das Wohl Deines Maultieres
Wir alle möchten ja nur das Beste für unser Muli. Nehmen wir das ernst ist es schlicht nicht akzeptabel wenn wir es täglich diesem Stress aussetzen. Muligerechtes Training beginnt für mich daher zwingend in dem Moment an dem ich mit meinem Muli im Stall oder auf der Weide in Kontakt trete und endet, wenn ich es nach dem Training wieder dorthin entlasse. In dieser Zeitspanne gibt es kein wichtig oder unwichtig. Ich helfe meinem Muli dort wo es Hilfe braucht, um ein Hürde zu nehmen.
Die Anspannung nehmen wir 1:1 mit in den Sattel
Vielleicht hast Du schon einmal etwas vom Begriff «Worry Cup» gehört. Stell Dir ein Gefäss vor. Immer wenn Dein Muli angespannt ist, Stress empfindet oder gar Angst hat, füllt sich dieses Gefäss ein bisschen. Je nach Schwere der Anspannung mehr oder weniger stark. Im Deutschen haben wir den Ausdruck «Der Tropfen der das Fass zum Überlaufen bringt» Und genau das kann bei diesem Worry Cup passieren. Irgendwann ist die Spannung im Muli so gross, dass es scheinbar aus dem Nichts scheut oder bockt. Diese Reaktion kommt aber eben nicht aus dem Nichts sondern eine Folge des übervollen Worry Cups. Die Toleranz-Schwelle ist schlicht überschritten worden.
Zurück zur Vorbereitung zum Reiten. Wenn das Muli
schon Stress empfindet beim Putzen oder Satteln oder Zäumen oder Aufsitzen (im schlimmsten Fall wie bei Hildegard vielleicht so gar bei allem) ist der Worry Cup schon gut gefüllt, bevor Du nur einen Schritt geritten bist. Ihr habt gar keine Chance entspannt los zu reiten.
Also sollte es auch in Deinem ureigensten Interesse sein, Deinem Muli zu zeigen, dass es sich beim Putzen oder Satteln entspannen kann.
Und wie zeige ich meinem Muli nun, dass es sich beim Satteln oder Putzen entspannen kann?
Ausrüstung überprüfen
Wenn Dein Muli die Ausrüstung als unangenehm bis schmerzhaft empfindet, wird es sich auch beim umsichtigsten Training nicht entspannen. Also passt der Sattel, zwickt das Gebiss oder engt das Nasenband zu sehr ein? Überprüfe dies kritisch.
Gewohnheiten überprüfen
Ich beobachte, dass oft recht gedankenlos gesattelt und gezäumt wird. Wird der Sattel unsanft auf den Rücken geknallt, zu schnell zu straff gegurtet oder mit wenig Fingerspitzengefühl gezäumt muss man sich nicht wundern, dass das Muli angespannt ist. Hier kannst Du mit Kleinigkeiten sehr viel bewirken. Versuche Dich in die Lage Deines Mulis zu versetzen.
Achte auf die Körpersprache
Dein Muli kann sich nur über seine Körpersprache mitteilen. Bist Du aufmerksam kannst Du schon kleines Unwohlsein erkennen. Zum Beispiel an der Anspannung der Maulpartie. Du kannst sofort Gegensteuer geben.
Gib Deinem Muli eine Wahlfreiheit
Ich bin ein Fan davon, das Muli nicht anzubinden. So hat das Muli die Möglichkeit weg zu laufen. Mulis sind Fluchttiere. Mit Bewegung können sie Anspannung abbauen. Du kannst Dein Muli entweder ganz frei putzen und satteln oder an einem langen Seil. Das Prinzip ist bei beidem Varianten gleich: Wenn Dein Muli zu angespannt ist um stehen zu bleiben, gestehe im zu sich zu bewegen. Du kannst einfache Bodenarbeitsübungen einbauen. Biete ihm eine Pause an. Wenn es sie annimmt gönne ihm Zeit sich zu entspannten. Kann es diese Pause noch nicht annehmen kann bewege es weiter und wiederhole Dein Angebot kurze Zeit später. Ist es entspannt kannst Du, zum Beispiel, weiter putzen. Läuft es weg lass es weg gehen, bewege es und biete ihm wieder eine Pause an. So baut Dein Muli nicht immer weiter Spannung in sich auf, wie wenn es am Anbindeplatz stillstehen muss, sondern kann die eventuell aufkommendes Spannung immer wieder abbauen. Mit der Zeit wird weniger und weniger Spannung aufkommen. Das ist wirklich Training, aber es lohnt sich. Auch wenn Du für eine gewisse Zeit weniger reitest, weil Du so viel Zeit ins Putzen, Satteln oder Zäumen investiert.
Hildegard die früher beim Putzen immer davon gelaufen ist strapaziert nun meine Oberarmmuskeln, weil sie sich wohlig gegen den Striegel lehnt und mir immer wieder neue Stellen zeigt, die massiert werden wollen.
Ich wünsche Dir und Deinem Maultier ein entspanntes Miteinander und viel Spass und Erfolg im Training.